PIER STOCKHOLM
ATLAS
18.09.2026 - 07.11.2026
Wenn wir das Wort »Atlas« hören, denken wir vielleicht an den mythologischen Titanen Atlas, einst dazu verurteilt, das Himmelsgewölbe zu tragen und Namensgeber des Atlasgebirges. Ein Atlas ist aber ebenso ein Kartenwerk, ein Instrument der Orientierung. Für Kosmopoliten, Entdecker, Mathematiker und Geografen steht er für die Vermessung des Globus, für die Kartierung unbekannter Territorien, für das Ziehen und Neujustieren von Grenzen: ein Mittel, mit dem sich sowohl der Wunsch artikuliert, die Welt zu ordnen, als auch das Eingeständnis, dass diese Kontrolle nie vollständig sein wird. Dieses Geflecht aus Bedeutungen und Erfahrungen bündelt sich in »Atlas«, der neuen Einzelausstellung des in Peru geborenen und in Paris lebenden Künstlers Pier Stockholm.
Eine der zentralen Skulpturen, Atlas (gas station, 2026), scheint in Analogie zum benannten Mythos ihre Glieder auszustrecken, als wolle sie den Himmel stützen. Die Arbeit verbindet – ironisch gebrochen – industriell gefertigte, serielle Elemente mit präzise gesetzten Momenten der Erfindungslust. Sie lädt dazu ein, die Erzählungen und Mythen zu hinterfragen, mit denen wir die Struktur der Welt und unseren Platz in ihr beschreiben – und ebenso unsere Vorstellungen von Leistung und Disziplin. Atlas ist eine Figur der dauerhaften Anstrengung und der Selbstkontrolle. Die Strenge des künstlerischen Herstellungsprozesses, die Arbeit an der Form ist ein zentrales Moment seiner künstlerischen Praxis, zu dem Pier Stockholm immer wieder zurückkehrt. »Die wirklich coolen Dinge sind Disziplin, Hingabe, das tägliche Erscheinen im Atelier«, erläutert er. »Das Ziel von Disziplin ist es, die richtige Umgebung zu schaffen, in der man aufnahmefähig und bereit ist, wenn die Kreativität einsetzt.« Die paradoxe Pointe: Aus Anstrengung entsteht etwas, das sich einer rein willentlichen Steuerung entzieht.
Gleichzeitig ist dieses Denken in einem konkreten Ort und einer bestimmten Zeit verankert, sobald der geografische Begriff des »Atlas« in den Blick rückt. Auch dieser Aspekt prägt Pier Stockholms Werk. Für den Künstler, der zunächst als Architekt ausgebildet wurde, sind das Materielle und Physische – vor allem die gebaute Umwelt – ein zentraler Schauplatz von Interaktion und Kreativität. Wo es eine Karte gibt, ist Fortbewegung möglich. Ein Atlas hält nicht nur kartografische Fakten fest – Städte, Länder, Kontinente –, er ist zugleich Grundlage für Routen: Handelswege, Verkehrsachsen, Korridore. Für Pier Stockholm, dessen Biografie den Globus von Amerika über Asien bis nach Europa umspannt, bündelt der Begriff »Atlas« genau diese Spannung zwischen Verwurzelung und Mobilität.
»Ich entwickle Arbeiten, die für die Bewegung im Raum gedacht sind. Alles ist modular, und mich interessiert die Idee der Portabilität – ein bewegliches Atelier«, sagt er. »Das bedeutet, Ephemera mitzunehmen – Ideen, Inspirationen, Erfahrungen von Ort zu Ort. Aber es heißt auch, physische Werkzeuge mitzunehmen, welcher Art sie auch sein mögen.« Da sich sein Vokabular wie auch seine Werkzeuge aus Ingenieurwesen und Industrie speisen – Sperrholz, vorgefertigte Bauteile, Karosseriespachtel, Beton, Farbe und schwere Schleifmaschinen –, ist diese Ausrüstung durchaus substantiell.
So treffen das Feste, Konkrete und Disziplinierte auf das Leichte, Fragile und Imaginative. Daraus entstehen Arbeiten, die komprimierte Energien, Bewegungen und Bedeutungen tragen, ohne auf visuelle Klarheit zu verzichten.
Entscheidend ist dabei, es geht um Überlagerung, nicht um Verdrängung. Die Archäologie etwa offenbart eine Welt aus übereinanderliegenden Schichten: So stehen gegenwärtige Städte in einem Gefüge mit älteren Stadtlandschaften, die ihrerseits geologische, historische Formationen und – wer weiß – noch ältere Siedlungsreste überlagern. In diesem Sinn arbeitet Pier Stockholm mit Lagen von Eindrücken und Bedeutungen, implizit wie explizit. Das wird besonders in seinen großformatigen Arbeiten sichtbar, in denen Material- und Farbschichten kontinuierlich und mit großer Genauigkeit aufgetragen und dann ebenso konsequent wieder abgetragen werden. Es entstehen neue Tiefen, Oberflächen und Texturen. In dieser seriellen Bearbeitung zeigt sich eine topografische Dimension seines Werks, die je nach Arbeit an asiatische Landschaftsmalerei, an kartiertes Gelände oder an mythologische Szenerien erinnert – vertraut und zugleich fremd entrückt.
In den kleineren, intimeren Arbeiten der Ausstellung ist der Raum stärker komprimiert, ohne inhaltlich reduziert zu sein. Die Objekte – mit ihren präzisen Intarsien und farbigen Acrylglaselementen – setzen komplexe Wechselwirkungen von Licht, Raum und Farbe in Gang. Sie ermöglichen es den Betrachtenden, in den physisch kleineren Formaten lange visuelle und gedankliche Wegstrecken zurückzulegen. Zugleich evozieren diese Arbeiten eine beinahe quantenphysische Vorstellung von Verdichtung: In ihrem kleinen Maßstab scheint sich ein ganzer Kosmos zu sammeln und zu entfalten. Wie ein Atlas die Weite der Welt zwischen seinen Buchdeckeln aufspannt, so wird auch hier das scheinbar Unermessliche in einem kleinsten Volumen gegenwärtig.
Mit Skulptur, Installation, Zeichnung und Malerei gibt die Ausstellung bei Heldenreizer einen umfassenden Einblick in Pier Stockholms vielgestaltige künstlerische Praxis. Sie versammelt – anlässlich seiner ersten Ausstellung in Deutschland – unterschiedliche Werkgruppen und Medien, die die formale Beweglichkeit, die begriffliche Vielschichtigkeit sowie die subtile Ironie seines Œuvres sichtbar machen.
Pier Stockholm (geb. 1977 in Lima, Peru)
Nach einem Architekturstudium in Lima, Peru, erwarb Pier Stockholm einen Masterabschluss in Bildender Kunst an der Universität São Paulo, Brasilien. Anschließend zog er nach Paris, um an der dortigen École des Beaux-Arts das Postgraduiertenprogramm »La Seine« zu absolvieren. Er lebt und arbeitet heute in Paris. Seine Arbeiten wurden in Einzel- und Gruppenausstellungen unter anderem im Paço das Artes in São Paulo, in der Vleeshal in Middleburg, Niederlande, im Casino Luxembourg sowie in Paris im Espace Paul Ricard und in La Galerie des Galeries präsentiert.
Pier Stockholm nahm an mehreren Künstlerresidenzen teil, darunter SOART in Kärnten, Österreich; die Cité des Arts in Paris; KNUA in Seoul, Südkorea; und NID in Ahmedabad, Indien. Sein Buch The Weight of References erschien 2014 bei ONESTAR PRESS. 2025 war er an der von Yvannoé Kruger und Margaux Knight kuratierten Ausstellung Par Quatre Chemins im Château La Coste, Provence, Frankreich, beteiligt.
Text: Kate Winn
Ausstellung
18. September 2026 - 7. November 2026
Türkenstr. 32, 80333 München


