ANGELA ANZI
ANNA GREBNER
KATYA EV ANTON
MARIE-LUCE NADAL
CLARA RIVAULT
KIKI SMITH
FLAMINIA VERONESI
LIQUID ARCHIVES
CURATED BY MADDALENA PELÙ
VENEDIG 2026
06.05.2026 - 11.10.2026
Virginia Woolf, The Waves
I am rooted, but I flow.
Rainer Maria Rilke, Das Stunden-Buch
Wasser ist mir etwas Geistiges.
Die Ausstellung Liquid Archives nähert sich Wasser nicht nur als natürlichem Element, sondern als empfindsamer Speicher, als weiblicher Körper, als ökologische Kraft, als fluide Mythologie und als politische Materie.
Wir sind alle Wasserwesen. Mit Wasser zu denken heißt sich zu erinnern, dass wir niemals allein sind. Wie Astrida Neimanis formuliert, bedeutet durch Wasser zu denken, eine radikale Verbundenheit anzuerkennen. Wir sind Körper aus Wasser und damit Teil eines Kollektivs – und seiner Erinnerungen.
Wasser ist ein lebendiges Archiv: Es sammelt, nährt, wäscht, löst auf, überträgt. In seiner ständigen Bewegung gräbt, streichelt und zersetzt es. Es ist Ursprung und Verfall, Mutter und Flut. Es hält fest und verarbeitet, was die Erde dazu neigt zu vergessen. Zugleich ist es Auffangbecken dessen, was die Erde hervorbringt: In unserer flüssigen Gegenwart zeigt sich auch das Wasser selbst als verletzlich. Auf seinem Weg durch die Territorien von Erinnerung, Traum, Identität und Verwandlung ist es von tiefen ökologischen Spannungen durchzogen. Das flüssige Archiv ist nicht nur Ort poetischer oder symbolischer Erzählung, sondern auch ein Ort des Widerstands: ein Gedächtnis des Lebendigen, das gehört werden will und aufruft, was wir zu verlieren drohen.
Die Ausstellung reflektiert über das zweite Element, indem sie seine Wandelbarkeit herausstellt und es zugleich als fixe Präsenz und Zeugin von Zeit und Werden begreifbar macht. Mit der Kraft und dem Geheimnis seines Flusses und seiner Tiefen, die alles festhalten, begleiten und verbergen. Oberflächen, Wolken, Meeresböden und unendliche Abgründe: Wasser und Mensch verschränken sich und erzeugen Mythen, Legenden, Klänge und Formen, die die Vorstellungskraft herausfordern.
Im Gegensatz zur Erde, die vergessen oder verdecken kann, fungiert Wasser als Element des Erinnerns und Bewahrens: Meere, Flüsse und Seen tragen die Geschichte von Völkern in sich. Wasser steht dem Unbewussten und dem Weiblichen nahe – Bereiche, in denen sich tiefe Emotionen und Erinnerungen halten, die der rationale Geist, die „Erde“, verdrängt. Es entsteht eine Art aquatische Archäologie, verwandt mit Michel Foucaults Begriff des Archivs als Beschreibung jener außerordentlich weiten und komplexen Masse dessen, was in einer Kultur gesagt worden ist.
Die anima mundi des Alchemisten Robert Fludd veranschaulicht diese Unterscheidung: eine weibliche Figur, die das Verhältnis zwischen Elementen und symbolischen Prinzipien verkörpert. In der westlichen Tradition ist die rechte Hand mit dem Männlichen, der Sonne und Herrschaft verbunden; die linke, marginalisierte Hand mit dem Weiblichen, dem Mond und dem Wasser. Ein Dualismus, der die historische Hierarchisierung zwischen dem Sichtbaren und Bestätigten und dem Fluiden und Intuitiven widerspiegelt.
In Venedig, so lehrt uns Tiziano Scarpa in Venedig ist ein Fisch, ist Wasser ein Orientierungssystem. In einer Stadt, die auf dem Wasser entstanden ist und heute durch eben dieses in ein prekäres Gleichgewicht geraten ist, versteht sich Liquid Archives als ephemeres Archiv dessen, was verloren gehen könnte – und zugleich als Archiv der Kraft dessen, was sich weiterhin verwandelt.
Von diesem begrifflichen Kern aus öffnet sich die Ausstellung auf die Praxis der eingeladenen Künstlerinnen, deren Arbeiten das Flüssige als Material, Metapher, emotionales, vitales, nährendes Element und als Existenzbedingung durchqueren. Die Werke stehen zueinander wie miteinander verbundene Strömungen und erzeugen ein Archiv des Fluiden in seinen unterschiedlichen Erscheinungsformen – eines, in dem Körperlichkeit, Erinnerung und Wissenschaft miteinander verflochten sind.
Angela Anzi (Luzern, Schweiz, 1981; lebt und arbeitet in Basel, Schweiz) operiert an der Schnittstelle von Sound, Performance, Video und Skulptur und untersucht die Stimme als Ort von Widerstand und Verwandlung. Über die mythologische Meeresfigur der Sirene geht sie den Prozessen der Zumutung und Zähmung des Weiblichen im kollektiven Gedächtnis der westlichen Kultur nach.
In Lucid Voices taucht die Sirene als klanglicher und aquatischer Körper wieder auf, der mit sich selbst und anderen in Dialog tritt: eine fluide Präsenz, die untergründige Geschichten, Wünsche und Erinnerungen miteinander verbindet und der Stimme eine kollektive, plurale Dimension zurückgibt – so vielschichtig wie Wasser selbst.
Mit Murmurs in the Tides knüpft die Künstlerin an die biologischen Fähigkeiten der Tridacna an, einer Muschel mit bemerkenswertem Transformationsvermögen. Als hermaphroditisches, festsitzendes Organismus wandelt sie Licht über eine symbiotische Beziehung mit Algen in Energie um. Im Kontrast zu den dynamischen Bildern mariner Lebewesen bleibt die Tridacna unbeweglich, am Meeresboden verankert, und dient zahlreichen Organismen und Fischarten als wesentliche Stütze und Zufluchtsort. Ihre Schale wird zum Schwellenraum zwischen Innen und Außen. Die Oberfläche – außen rau und sedimentiert, innen glatt – erinnert an eine resonante Höhlung, die dem Lauschen zugewandt ist und aus der ein Atem zu entweichen scheint, eine nebelhafte, aktive Präsenz.
Katya Ev Anton (Moskau, UdSSR, 1983; lebt und arbeitet in Brüssel, Belgien) untersucht die Beziehungen zwischen Körper, Gesellschaft und Ökonomie und legt Handlungsspielräume innerhalb von Machtstrukturen frei.
In Untitled (milk) wird menschliche Milch aus ihrer Unsichtbarkeit gelöst und zur künstlerischen Materie – zu einem lebendigen Archiv und einer Denkbühne. Eine elementare Substanz, die meist dem Blick entzogen bleibt, wird hier zum Instrument der Vermessung und Irritation: Sie macht sichtbar, was normalerweise verborgen bleibt, und verfestigt in materieller Form eine körperliche Arbeit, die weder anerkannt noch entlohnt wird.
Die Arbeit ist Teil einer umfassenden Auseinandersetzung mit der Idealisierung und Unsichtbarmachung des Stillens – lange reduziert auf die Bildwelt der Virgo Lactans, gemalt von männlichen Händen – und reklamiert es stattdessen als gelebte, geteilte und politische Erfahrung. Aus einer queeren, nicht‑binären Perspektive macht die Künstlerin eine intime Geste sichtbar, die kulturell hoch aufgeladen ist, und verwandelt Stillen in einen Akt dauernder Sichtbarkeit, Fürsorge und Resistenz. Milch ist hier mehr als Nährstoff: Sie ist eine Epistemologie in Aktion, ein Wissensträger, der das Häusliche mit dem Öffentlichen, die Ikone mit dem Alltag und den Körper mit dem Gesetz verbindet.
Anna Grebner (Sinalunga, Italien, 1990; lebt und arbeitet in München, Deutschland) operiert zwischen Malerei und Installation und konzentriert sich auf die ökologische Verletzlichkeit von Wasser und die Verflechtung zwischen menschlichem Körper und Umwelt.
In der Serie acid in the shell steht Wasser als zugleich lebendige und fragile Materie im Zentrum der künstlerischen Reflexion. Die menschliche Haut mit einem pH‑Wert von 5,5 wird in Beziehung gesetzt zu Meerwasser, dessen pH‑Wert zwischen 7,5 und 8,4 schwankt – ein Gleichgewicht, das zunehmend bedroht ist. Die fortschreitende Versauerung der Ozeane ist eine unsichtbare, aber tiefgreifende Veränderung, die organisches Leben gefährdet. Die Miesmuschel, deren Byssusfäden sich unter Einfluss steigender Säure zersetzen, wird zum Symbol dieses Wandels.
Die Künstlerin zeichnet verflochtene Körper und Linien, indem sie die Spuren von Wasser nutzt und die Beziehung zwischen Wasser und Mensch evoziert. Die Beobachtung sich auflösender Muschelschalen erhebt diese zu kostbaren Emblemen einer unmittelbar bevorstehenden Klima‑Dringlichkeit; natürliche Pigmente und Materialien aus ihrer Zersetzung verankern die Arbeiten in einer konkreten Zeit und einem konkreten Ort und versuchen, deren Schönheit und Rätselhaftigkeit zu bewahren. Wasser fungiert als Agent der Transformation und hinterlässt Spuren, die den oft unsichtbaren Einfluss menschlichen Handelns auf die nicht‑menschliche Welt sichtbar machen.
Mit ihrer wissenschaftlich‑künstlerischen Praxis bewegt sich Marie‑Luce Nadal (Perpignan, Frankreich, 1984; lebt und arbeitet in Paris, Frankreich) im Bereich des kaum Wahrnehmbaren: in den Flüssigkeiten des Himmels. In Installationen, die mit Wolken, Nebel, Dampf und instabilen atmosphärischen Zuständen interagieren, fängt sie flüchtige Existenzformen ein, die für gewöhnlich im Nichts vergehen.
In Liquid Archives tritt ihre Arbeit als Archiv des Ephemeren auf, in dem Wasser als relationale Kraft erscheint – fähig, fragile und veränderliche Präsenz aufzunehmen und weiterzugeben. In 9ème cercle wird eine Wolke eingefangen und in einem geschlossenen Raum gehalten, in einem beständigen Wechsel von Erscheinen und Verschwinden. Wie ein atmosphärisches Aquarium macht die Arbeit die Instabilität des Himmels sichtbar und ruft eine schwebende, entrückte Landschaft hervor. Sie wird zu einer stillen Unterwelt, in der atmosphärische Materie zu Körper und Erinnerung wird.
Mit Couverture à mémoire de rêve greift Nadal die Form einer gesteppten Tagesdecke auf – ein häusliches Echo, das in die Kindheit zurückführt. Zwischen den Linien des Matelassés tauchen traumhafte Bilder auf: Spuren, die sich wie Kondensate des Traums ablagern. Der Abdruck eines Körpers ruft das Begehren hervor, den Himmel zu kultivieren, während eine visionäre Landschaft Erde und Atmosphäre zu einem fließenden Kontinuum verbindet. Beide Arbeiten entfalten eine Bewegung zwischen Beobachtung und Imagination, in der der Himmel zur empfindsamen Materie wird und der Traum zur Form des Archivs.
Clara Rivault (Paris, Frankreich, 1991; lebt und arbeitet in Paris, Frankreich) setzt sich mit einer Vielzahl traditioneller Techniken auseinander – Bronze, Glasbläserei, Porzellan. Ausgehend von der Kunst der Glasmalerei entwickelt sie einen langen Arbeitsprozess, der mit fotografischen Aufnahmen beginnt, die sie verschiebt, neu komponiert und kristallisiert. So entstehen Erzählungen, in denen Mythologie und Wirklichkeit ineinander greifen.
Die genaue Beobachtung organischer Materialien und lebendiger Gewebe speist ein Formenrepertoire, das Rivault ins Glas überführt und ihm so eine skulpturale Dimension verleiht. Die Vorstellung vom Körper ist der rote Faden, der ihr polymorphes Werk durchzieht.
In Liquid Archives zeigt Rivault Arbeiten, in denen Wasser zum Raum der Anrufung und Emotion wird. X Voto präsentiert ein anatomisches Bild der Gebärmutter als Bitte um Fruchtbarkeit: Die Gebärmutter als Ort des Fruchtwassers ist ein vitaler, schützender Raum – ein Urmeer, in dem sich der Körper formt, bevor er sich von der Flüssigkeit trennt, die ihn getragen hat. Ein archaisches Archiv körperlicher Erinnerung.
Les Larmes du Ciel greift in Form eines Tränengefäßes auf archäologische Objekte zurück, die in Bestattungsritualen dazu dienten, Tränen aufzufangen und als materielle Spuren menschlicher Gefühle zu bewahren. In beiden Werken hält Wasser Emotionen, Wünsche und Verletzlichkeiten, es sedimentiert Zeit und macht sichtbar, was sonst verdunsten würde.
Flaminia Veronesi (Mailand, Italien, 1986; lebt und arbeitet in Mailand, Italien) stellt das Wundersame ins Zentrum ihrer künstlerischen Praxis. Sie erforscht ein Universum von mirabilia und naturalia in einer spielerisch‑neuinterpretierenden Bildsprache, in der unterschiedliche Formen und Materialien ohne Hierarchie nebeneinander bestehen. Ihr imaginärer Kosmos ist bevölkert von amphibischen, hybriden Wesen zwischen Mensch und Tier – lebendigen Formen in dauernder Metamorphose.
Die Sirene ist die archetypische Figur in ihrem Schaffen: ein hybrides Wesen, fähig, zwischen mehreren Welten zu leben, Sinnbild einer Haltung der Offenheit und Wandlung. Sirena Iguana ist eine Keramik, deren Oberfläche die Spuren des Hochbrandes trägt: eine Haut von archaischer, fast etruskischer Anmutung, die dem Objekt eine archaische Präsenz verleiht. Die Hände, bewusst weniger ausgearbeitet – wie in den vorbereitenden Zeichnungen – bewahren eine rohe Direktheit, die den amphibischen und instinktiven Charakter der Figur betont.
In Conchiglia morte a Venezia werden Einsiedlerkrebs und Muschel in ein marines Archiv aus Verschiebungen, Rückzugsorten und Schichtungen eingeschrieben, ein mobiles Mikrokosmos, der Spuren in sich trägt. Die Arbeit erinnert an die Logik der Wunderkammern und ruft eine Form des Wissens wach, die auf Staunen und Verwunderung beruht. Die Anspielung auf Tod in Venedig führt eine Spannung zwischen Verzauberung und Vergänglichkeit ein, in der sich Schönheit als fragile, vorübergehende Erfahrung zeigt.
Kiki Smith (Nürnberg, Deutschland, 1954; lebt und arbeitet in New York, USA) erforscht den Körper als poröses und verletzliches Territorium. Ihre frühen Skulpturen machten Körperflüssigkeiten und verdrängte biologische Funktionen – Menstruation, Urin, Exkremente – sichtbar und stellten damit die Vorstellung eines reinen, kontrollierbaren und idealisierten weiblichen Körpers infrage. In der von der AIDS‑Krise geprägten Zeit gewann diese Praxis eine deutliche politische Dimension, da sie der Unsichtbarmachung von Krankheit und der Verleugnung von Verletzlichkeit entgegenwirkte.
Im Laufe der Jahre wandte sich Smith verstärkt mythologischen und archetypischen Figuren zu, um weibliche Identität kritisch zu befragen. In Liquid Archives erlaubt die Bronzeskulptur Mother eine kuratorische Lesart, die Smiths Werk mit der Mythologie des Meeres als Archiv kollektiver, wasserbezogener Legenden verschränkt. Eine liminale, nicht idealisierte Figur, die Sirene, tritt hier in ihrer Subjektivität auf – zwischen Mensch und Tier, in ständiger Verwandlung. Smiths Sirene kehrt den traditionellen Mythos um: nicht Verführerin oder Objekt männlichen Begehrens, sondern ein Wesen, das Tiefen erkundet, verletzlich und nach innen gewandt.
Historisch ist der Wandel der Sirene von der Vogel‑Frau zur Fisch‑Frau nicht nur ein ikonografischer Wechsel: Er verlagert ihren abgründigen Gesang von der Luft ins Wasser – in eine Materie, die ihn im ständigen Fließen zu halten und zu bewahren vermag. Maurice Blanchot beschreibt den Gesang der Sirenen als einen Gesang, der – anders als der der Musen – nicht befiehlt, sondern einen Abgrund öffnet und jene, die ihn hören, einlädt, sich in ihn hineinzubegeben. Der Abgrund ist hier nicht nur geografische Tiefe, sondern eine Hörhaltung: ein Sich‑Einlassen.
Liquid Archives formiert sich so als chorales, flüssiges Archiv:
Wasser ist das geeignetste Element, um die Verknüpfungen der Kräfte zu veranschaulichen. Es nimmt so viele Substanzen in sich auf! Es zieht so viele Essenzen an! Es empfängt mit derselben Leichtigkeit Gegensätzliches, Zucker wie Salz. Es tränkt sich mit allen Farben, allen Geschmäcken, allen Gerüchen. Man versteht, dass das Phänomen der Auflösung fester Stoffe in Wasser eines der grundlegenden Phänomene jener naiven Chemie ist, die die Chemie des gesunden Menschenverstands bleibt und mit ein wenig Träumerei die Chemie der Dichter ist.
Gaston Bachelard, Die Wasser und die Träume
Text: Maddalena Pelù









