WITALIJ FRESE
CONNECT AND DISCONNECT

20.05.2022 - 15.07.2022

In der ersten Ausstellung, die sich allein seinen Keramiken widmet, zeigt Witalij Frese (*1992 Alexandrowka, Russland) den menschlichen Körper als fluide, mythische und immerzu suchende Ganzheit. Zwischen Verletzlichkeit und unverblümtem Realismus changieren die schwarz-weißen Gefäße, Reliefs und Körperbaukästen – mit Draht verbundene keramische Wesen, deren Skelett aus einzelnen Fragmenten zusammengesetzt ist. In seinen Werken beschäftigt Frese die Suche nach der Bedeutung körperlichen Daseins und der Wunsch sich immer neu auszudrücken. So nähert sich der Künstler dem Körper häufig über seine Einzelteile. In seinen Werken zersetzt und überwindet, formt und konfiguriert er den menschlichen Organismus nach unterschiedlichsten Empfindungen. Hybrid und explizit sind seine Versionen von Körperhüllen, die an die griechische und römische Keramik der Antike erinnern.

 

In direkter Konfrontation mit weiblichen und männlichen Geschlechtsmerkmalen entstehen sensible Kompositionen aus skulpturalen und ornamentalen Elementen, vereint durch die Hand des Künstlers. Während die Penishenkel und der Vulvafries eindeutig auf eine altbekannte Geschlechterordnung verweisen, sind die Übergänge innerhalb der Gefäße fließend. Es herrscht ein stetes Wechselspiel männlicher und weiblicher Attribute. 

 

Für Frese stellen Penis und Vulva auch Ankerpunkte für Themenkomplexe, wie Scham und dem Streben nach einer Überwindung der historischen Geschlechterordnung dar, weil sie eng mit traditionellen Rollenbildern verknüpft sind. Die persönliche Einordnung durch bestimmte Körpermerkmale kann außerdem entscheidend für die Selbstwahrnehmung und Identität sein. Vor allem, wenn das Bedürfnis nach körperlicher Zugehörigkeit ein Faktor für gesellschaftliche Zugehörigkeit ist. Sich seinem eigenen Körper nicht verbunden fühlen stört und beschwert die Seele. Ein lebender Körper, der sich fremd und unstimmig anfühlt, bleibt von seiner Umwelt isoliert, ruht nicht in sich. Tausende Jahre hierarchischen Sehens haben den nackten Menschen verzerrt und desorientiert, bieten aber auch eine Chance ihn neu zu erfinden: 

 

Fast alle Werke sind von haarlosen Figuren bevölkert, deren Aussehen menschlich anmutet, sich jedoch von Wirklichkeitstreue frei macht. Geschlechtslos oder hybrid, mäandern die kopfschweren Wesen, mal stehend, mal liegend über die kühlen und glatten Oberflächen. Einige Figuren interagieren miteinander, sitzen Haut an Haut. Ein Einzelgänger hockt völlig still im leeren Bildraum und blickt uns direkt an, andere Figuren haben sich in Muster aus körperlosen Gliedmaßen zu aufgelöst. Entgegen des ornamentalen Flows scheinen manche Figuren sich noch unsicher über ihre Richtung im Strom der Körperteile.

 

„Wie setze ich mich zusammen, wie werde ich zusammengesetzt?“ beschreibt Frese seine Ausgangsposition. Was macht das zeitgenössische Individuum aus und welchen Anteil haben Umwelt und Kulturgeschichte an unserer Konstitution in der Gegenwart? Am deutlichsten äußert sich diese Herangehensweise wohl in den Körperbaukästen. Ihre Glieder setzen sich nicht medizinisch korrekt zusammen. Vielmehr ist der Zusammenhalt lose. Ihr Körper, bis auf die zarten Drähte, ein vielfach unterbrochener. Durch die Installation an der Wand erhalten die Körperbaukästen außerdem eine geisterhafte Beweglichkeit und ruhen schwerelos im Raum. Würde man ihre einzelnen Gliedmaßen trennen und neu zusammensetzen, ergäben sich laufend neue Körpervariationen, immer aus denselben teilen, nur unterschiedlich konstruiert. ‚Richtige‘ Proportionen und fleischliche Reize spielen dabei keine Rolle.

 

Mit seinen antikisierenden Gefäßformen und stilisierten Bemalungen schöpft Witalij Frese bewusst aus dem visuellen Gedächtnis der Symbol- und Bilderwelt des Altertums. Die antike Form des Reliefs findet sich beispielsweise oftmals in Heiligen- und Grabstätten des römischen Reiches. Meist rekurrieren die Darstellungen auf mythologischen Erzählungen und Topoi, voller Zeichen und Symbolkörper. Solche handgefertigten Reliefs, Keramiken oder Grabplatten stehen auch in der Tradition gesellschaftlicher Riten, die mit körperlichen Handlungen verbunden sind. Der politische Körper, der heilige Körper, der sexualisierte Körper: sie alle unterliegen gesellschaftlicher Moralisierung und Regulierung. Besonders der gewundene Serpent blickt auf Jahrhunderte ikonografischen Wandels zurück: von seinem Platz am Stab des heilenden Gottes Asklepios, über die Erbsünde, bis zur idealisierten Serpentinenlinie in der Malerei.

 

Wenn Witalij Frese seine Körpergefäße also mit mythologischen Symbolen und Formen bedenkt, beschwört er nicht nur alte, ikonographischen Deutungen, sondern reichert seine Darstellungen um den Kontext eigener Körperfragen an. Bedächtig und sparsam überführt Frese damit klassische Attribute in einen erweiterten Deutungszusammenhang. Entblößte Haut bietet seit jeher eine Projektions- und Angriffsfläche für kulturelle, politische und religiöse Agenden. Dieser historischen Schwere, stellt Frese seine irdenen Körperhüllen entgegen, ohne deren Einordnung zu erzwingen: weder als Motiv noch als Geschlecht. Zerbrechlich und glatt wollen die Keramiken vorsichtig befüllt werden –– mit Sinn ohne Dogma, mit all dem das sie beseelt.

Ausstellung

20. Mai 2022 - 15. Juli 2022

Türkenstr. 32, 80333 München