
Anna GREBNER
Farbe als Evidenz, Material als Gedächtnis: In ihren Installationen und Bildwerken erforscht Anna Grebner Farbe als Spurenträger kultureller Praktiken und als Archiv ökologischer Räume. Ihre Bilder sind Ort und Befund zugleich. Sie arbeitet mit selbst hergestellten Pigmenten aus Pflanzen, Erden und organischen Reststoffen und schreibt so die sie umgebende Natur unmittelbar in die Werke ein. Die dabei als Bildträger verwendeten Textilien werden mit Erde, Knochen und Gras vorbehandelt.
So entstehen Bildräume, in denen sich Körper, Material und Umwelt wechselseitig prägen. Farbe fungiert bei Grebner damit nicht bloß als Medium, sondern als Speicher von Ort, Zeit und Berührung. Die Arbeiten erzählen von Landschaften, von Spuren menschlicher Präsenz und vom fragilen Verhältnis zwischen Mensch und Umwelt. Ihre Praxis zielt darauf, die vermeintliche Trennung zwischen Körper, Material und Umwelt aufzulösen und ein Bewusstsein für Verantwortung, die Endlichkeit und das Maß menschlicher Eingriffe zu schärfen.
Wasser als materielle, symbolische und mythologisch aufgeladene Kraft steht dabei im Zentrum ihrer Bildsprache. Ihre auf alten, familiengeschichtlich bedeutsamen Textilien übertragenen Körperdarstellungen werden formal von wasserartigen Grafitspuren getragen, die über die dünnen Stoffbahnen zart fließend kaskadieren und sich zu ineinander verschlungenen Figuren verdichten. So entsteht ein präzises Bild unserer Verflechtung mit der Umwelt und der Körperlichkeit des Wassers in seiner ökologischen Fragilität. Die Arbeiten sind zugleich chemische Felder. Die Textilien wurden mit Indigo, Färberwaid und Erden gefärbt. Alkalische und saure Prozesse verändern den pH‑Wert und spiegeln die zunehmende Versauerung der Ozeane. Als leise performative Geste ließ Grebner während einer Ausstellung täglich eine Miesmuschelschale in saurem Wasser auflösen. Die Muschel avanciert so zum Sinnbild eines stillen Verschwindens und macht die Verflechtung von Haut und Meer, Körper und Element erfahrbar. Materie verschwindet. Zurück bleibt AC‑25, ein aus Muschelresten gewonnenes Pigment, unscheinbar braun und im Gegenlicht von feinem Perlmutt schimmernd. Ein letzter Index des Lebendigen.
Grebners Bilder reagieren zudem auf Raum, Luft und Licht. Frei hängende Arbeiten oszillieren zwischen Linie, Geste und Bewegung und eröffnen einen Dialog mit den Betrachtenden. Sie kennt die Traditionen von altmeisterlicher Zeichnung bis Nihonga und nutzt sie, ohne sich in ihnen zu verlieren. In Okinawa (2023/24) verknüpfte sie zuletzt jahrhundertealte japanische Maltechniken mit einer klaren Gegenwartsdiagnose. Indigogefärbte Holzschnitte auf Wirtschaftsseiten japanischer Zeitungen in 100times you & I running down the sink (2023/24) zeigen, wie Material und ökonomisches Bild zusammentreffen.

Ausstellungen (Auswahl)
2025 to | day to morr ow, HELDENREIZER Contemporary Gallery, München
2025 Acid in the shell (solo), AdBK, München
2024 Start56, Gopea foundation, Burg Bad Bentheim, Bentheim
2024 EVERGR333N (Solo), JDZB, Berlin
2024 ミドゥリ — Miduri, Okinawa Prefectural University of Arts Museum, Okinawa, Japan
2023 LODZ600, Muzeum Fabriky Łódź, Polen
2023 RAUM A 01.08, Gallery Spazioarte , München
2023 made in munich, Pasinger Fabrik, München
2023 Candis, Akademiegalerie, München
2023 Wiedersehen in Schwabing – Roter Reiter, Magda Bittner-Simmet Foundation, München
2022 Aufbruch nach Europa - 75 Jahre Künstlergruppe Roter Reiter, Villa Mohr, München
2021 Cling together swing together - Karin Kneffel und Meisterschülerinnen, Galerie Noah, Augsburg
2020 Pale blue dot, Stadtmuseum München & Galerie Weltraum, München
2020 gemeinsam3sam, Pop-up gallery Leopoldstr128a, München
Vita
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Geb. 1990 in Sinalunga/ Italien
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Lebt und arbeitet in München
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2019-2025 Diplom bei Karin Kneffel, Toulu Hassani und Thomas Eggerer, Akademie der Bildenden Künste München
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2023-2024 Studium der Japanischen Malerei, Okinawa Prefectural University of Arts, Okinawa, Japan
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2014-2018 Y-3 adidas x Yohji Yamamoto Designer, APP and Print- Graphics, adidas group, Herzogenaurach
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2009-2013 Bachelor of Arts (B.A.), Akademie für Mode und Design, München
Publikationen (Auswahl)
acid in the shell, 2025 – Anna Grebner, frame[less], Das digitale Magazin für Kunst in Theorie und Praxis, issue #9: traces, 2025, Stuttgart, URL: https://framelessmagazin.de/acid-in-the-shell-2025-anna-grebner (21.12.2025)
ミドゥリ - Nakamoto, exhibition review, Okinawa Times, Ausgabe 07. März 2024, Okinawa, Japan
Enna Kelch, Auseinandersetzungen mit der Körperlichkeit, Süddeutsche Zeitung, 31. August 2023, URL: https://www.sueddeutsche.de/muenchen/fuerstenfeldbruck/kunst-ausstellung-kloster-fuerstenfeld-haus-10-kunstakademie-muenchen-1.6181571 (21.12.2025)






