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ALESSANDRO BOSTELMANN
BED PAINTINGS   

27.03.2026 - 05.05.2026

Die Szene in Metaphorische Komposition mit Staubsaugern (2026) scheint einfach: Fünf nackte Figuren, drei Frauen und zwei Männer, ziehen Staubsauger über eine flache, beinahe abstrakte Ebene. Die Körper verschlingen ineinander und entladen sich in ein absurdes wie kaum visuell zu greifendes Fleisch-Staubsauger-Geflecht aus Gliedmaßen, Geschlechtsteilen, Körperöffnungen und Staubsaugerteilen. Seine Figuren berühren sich ohne jedoch einander in Kontakt zu treten, sie entwickeln eine Nähe ohne Beziehung. Das ist der Ton, in dem Alessandro Bostelmann spricht: Der Körper als Bühne einer Gegenwart, die ihre Rituale perfektioniert und ihre Empathie verliert.

 

So steht der Mensch: sein Körper, seine soziale Verfasstheit, seine Verletzlichkeit, seine Absurdität seit jeher im Zentrum von Alessandro Bostelmanns Malerei. In den neuen Arbeiten der Werkgruppe Bed Paintings erhält diese Auseinandersetzung eine erneute existentielle Zuspitzung. Der Titel der Ausstellung verweist auf die konkreten Bedingungen ihrer Entstehung: Die Werke sind weitgehend aus dem Bett heraus gemalt, in einem an die Erkrankung des Künstlers angepassten Arbeitsprozess. Bostelmann, der an ME/CFS erkrankt ist, kann sein Bett und sein Zimmer nur selten verlassen. Seine Bilder entstehen in kurzen, unterbrochenen Intervallen, in einem von Krankheit, Erschöpfung und radikal veränderter Zeitwahrnehmung geprägten Rhythmus.

 

Diese biografische Situation ist für die Ausstellung nicht bloß Hintergrund, sondern strukturiert die Arbeiten inhaltlich wie formal. Die Welt erscheint hier nicht als offener Horizont, sondern als psychischer, medialer und imaginierten Räumen entnommener Kosmos, der sich aus der Enge eines Zimmers heraus entfaltet. Isolation und Monotonie verschieben Wahrnehmung und Aufmerksamkeit: Erinnerungen, Träume, innere Bilder und digital vermittelte Gegenwart drängen stärker in den Vordergrund. So verdichten sich Bostelmanns Gemälde zu Szenen, in denen das Intime, das Groteske, das Komische und das Verstörende unauflöslich ineinandergreifen.

 

Charakteristisch für Bostelmann ist dabei weiterhin die Konzentration auf den nackten menschlichen Körper. Seine Figuren sind unbekleidet, überdehnt, verdreht, ineinander verschlungen. Sie erscheinen nie souverän, sie wirken vielmehr funktional. Nacktheit ist in seinen Bildern niemals einfach ein Zeichen von Nähe oder Wahrheit. Vielmehr kippt sie beständig zwischen Exponiertheit und Fremdheit. Der Körper wird zum Schauplatz des Blicks, des Begehrens, der Projektion und zugleich zu einer widerspenstigen Oberfläche, an der jede Eindeutigkeit scheitert. Wo man Intimität vermutet, zeigt sich Distanz. Wo man Eindeutigkeit sucht, beginnt Ambivalenz. Daraus entsteht eine kluge Strategie gegen Stereotypen: Bostelmann zerlegt heteronormative Pflichtfelder, zitiert ihre Gesten und setzt sie in groteske Situationen, bis sie ihre Macht verlieren. 

 

Viele der dargestellten Szenen kreisen um Handlungen des Alltags: Pflege, Begehren, Warten, Erschöpfung, Berührung, Rückzug. Doch nichts daran ist bloß alltäglich. Bostelmann überführt banale Verrichtungen und soziale Routinen in Bildräume von eigentümlicher Spannung. Seine Figuren reinigen, klammern, posieren, begehren, kollabieren oder verharren in absurden Konstellationen, ohne je ganz zueinander zu finden. Nähe erscheint als körperliche Tatsache, nicht als emotionale Verbindung. Berührung wird nicht zur Aufhebung von Distanz, sondern zu ihrer paradoxen Steigerung.

 

Darin liegt eine der entscheidenden Qualitäten dieser Malerei: Sie beschreibt das Menschliche nicht als harmonische Einheit von Körper und Selbst, sondern als prekäre, oft widersprüchliche Anordnung. Die Körper in Bostelmanns Bildern sind weder ideale Träger von Identität noch souveräne Instrumente des Willens. Sie wirken ausgesetzt – gesellschaftlichen Erwartungen, geschlechtlichen Zuschreibungen, medizinischen Deutungsmustern, den Zumutungen von Intimität und den Normen sozialer Lesbarkeit. Gerade in dieser Spannung entwickelt sich das Politische seiner Kunst.

 

Besonders deutlich wird dies in Werken, die Erfahrungen von Krankheit und medizinischer Macht berühren. Bostelmann verhandelt hier nicht einfach persönliches Leiden, sondern die Frage, wer über Körper sprechen, sie deuten und ihre Realität festlegen darf. Historische Bilder von Hysterie, psychosomatischer Zuschreibung und geschlechtlich codierter Überempfindlichkeit werden in seinen Arbeiten nicht illustrativ dargestellt, sondern in groteske, einprägsame Bildfindungen überführt. Humor dient dabei nie der Verharmlosung; er ist vielmehr ein Mittel der Präzision. Das Lächerliche legt ideologische Strukturen frei. Gerade weil Bostelmann das Absurde zulässt, werden Gewalt, Ohnmacht und Entfremdung umso schärfer sichtbar. So etwa zeigt sein Gemälde Wandernder Uterus in einer Landschaft (2026), in dem er den antiken, bis ins Mittelalter hineinreichenden Mythos des „wandernden Uterus“ als Mischwesen ins Bild setzt, das heiter über eine Wiese spaziert. Humor dient hier der Freilegung ideologischer Schichten: Medizin war und ist kein neutraler Raum. Das Werk schlägt eine feministische Schneise durch Diagnosediskurse, in denen weibliche Erfahrung bis heute psychologisiert wird.

 

Zugleich ist Bed Paintings keine rein düstere Ausstellung. Inmitten von Fragilität, Erschöpfung und sozialer Isolation behaupten die Bilder auch eine eigensinnige Form von Vitalität. Sie sind bevölkert von deformierten, aber höchst präsenten Körpern, von Figuren, die scheitern, sich verrenken, lächerlich wirken und dennoch nicht verschwinden. In manchen Arbeiten treten Heiterkeit, Zärtlichkeit oder Selbstironie hervor – nicht als Gegenwelt zum Schmerz, sondern als Formen des Überlebens. Gerade in dieser Koexistenz von Komik und existenzieller Schwere entfaltet Bostelmanns Malerei ihre besondere Intensität. 

 

Evident wird dies im Werk Heiterer Hermaphrodit mit Haarfön (2026). Vor einem dunklen, barock anmutenden Grund erscheint eine hybride Figur: Der Kopf eines alten Mannes, deutlich inspiriert von der Ausdrucksintensität eines ekstatischen Heiligen bei Jusepe de Ribera (1591-1652), ruht auf einem straffen, weiblich gelesenen Körper.Lustvoll in den Nacken gelegt, lässt der Kopf warme Luft aus einem Haarfön durch den Bart strömen. So begegnen sich sakrale Lichtdramaturgie und profane Alltagshandlung in einer zugleich absurden wie präzise gesetzten Bildkonstellation.

Der Hermaphrodit kehrt in meinem Werk wiederholt als Figur lustvoller Uneindeutigkeit und heiterer Exzentrik zurück. Hier erscheint er jedoch nicht als nostalgisches Motiv, sondern als integrative Geste, in der verschiedene Werkphasen neu miteinander in Beziehung treten. Innerhalb einer Werkgruppe, die auch von Krankheit, Fragilität und Zweifel erzählt, steht sie für einen Moment von Selbstakzeptanz, Heiterkeit und körperlicher Affirmation.

 

Bed Paintings zeigt einen Künstler, dessen Welt radikal geschrumpft ist und dessen Bildwelt gerade daraus neue Weite gewinnt. Aus der Begrenzung entsteht kein Rückzug ins Private, sondern ein genauer, unbarmherziger und zugleich überraschend poetischer Blick auf die Gegenwart. Bostelmanns Bilder führen vor, dass das vermeintlich kleine Zimmer kein abgeschlossener Ort ist, sondern ein Resonanzraum, in dem sich Körpergeschichte, Gesellschaft, Begehren, Krankheit, Erinnerung und Kunstgeschichte überlagern. So wird das Bett nicht nur zum Ort der Schwäche, sondern auch zum Ausgangspunkt einer Malerei, die aus äußerster Einschränkung eine komplexe, eigensinnige und verstörend klare Bildsprache entwickelt.

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