KRIŠTOF KINTERA
GEDANKENEXPERIMENT

18.11. 2022 - 14.01.2023

In Gedankenexperiment präsentiert der tschechische Künstler Krištof Kintera sein neuestes Werk in Form eines Experiments, das den Prozess des künstlerischen Schaffens in den Mittelpunkt rückt. Mit Hilfe von Metaphern, pointierten Kommentaren und seinem charakteristischen sarkastischen Humor nähert sich Kintera den Fragen, Herausforderungen und Unsicherheiten, die mit dem Kunstschaffen verbunden sind. Die Ausstellung bietet eine experimentelle, physische Gegenüberstellung eines Galerieraums und eines Atelierraums, die auffällige Paradoxien zwischen Gegenwart und Vergangenheit, Technologie und Kunst sowie der An- und Abwesenheit des Künstlers in seinen Werken aufleuchten lässt. In beiden Teilen der Ausstellung differenziert Kintera, angetrieben durch seine Faszination für Elektrizität und industrielle Materialien, die Grenzen der künstlerischen Kontrolle gegenüber den natürlichen Kräften aus, während die Charaktere in seinen "3D-Zeichnungen" selbige Grenzen im Hinblick auf die vermeintlich steuerbare Wirkung und Rezeption hinterfragen. 

 

Der erste Teil der Ausstellung zeigt Kinteras Werke in einem traditionellen White Cube: Die Kunstwerke werden in ihrer formalen Erscheinung vor[PK1]   und an den weißen Wänden des Ausstellungsraumes zelebriert. Die Memorials of Past Light, strahlend weiß in der Mitte des Raumes, verkörpern ein Licht – oder sogar eine Erleuchtung –, das einst existierte und nun durch die zurückgebliebenen und ausrangierten Leuchtröhren, durch die es einst strömte, vergegenwärtigt wird. Es kommt die Frage auf, inwieweit Kunstwerke als Spuren längst vergangener schöpferischer Akte zu verstehen sind, als Überbleibsel künstlerischer Ideen. Die Memorials of Past Light, von denen sich einige in den Wäldern von Borgo Valsugana in Italien befinden, verweisen in ihrer Materialität auf die Zerbrechlichkeit solcher Spuren und deuten zudem darauf hin, dass sie sich manchmal an unerwarteten Orten manifestieren können. 

 

Die "3D-Zeichnungen" im White Cube führen Kinteras Fragestellungen fort, indem sie den schöpferischen Akt beziehungsweise Schaffensprozess aus verschiedenen Blickwinkeln betrachten. I'm Your Mother spielt mit dem Bild der "Mutter (Erde) als Schöpferin", während I'm Not Who I Look Like die Diskrepanz zwischen Intention und endgültiger Darstellung hervorhebt. How Do You Like Me? und Let Me Be Your Personal Advisorspielen auf die Bedeutung an, die sich aus dem Wechselspiel zwischen Kunstwerk und Betrachtenden ergibt, wobei Kinteras zweideutige Charaktere ein gewisses Maß an Absurdität oder sogar Unbehagen provozieren. Release Me From Thinking fügt diesem Diskurs eine zynische Note hinzu, mit einer Spur Satire, die für das Gesamtwerk Kinteras so charakteristisch ist. 

 

Der zweite Teil der Ausstellung lässt den White Cube hinter sich und führt in das räumliche Zentrum künstlerischen Schaffens: das Künstleratelier. Kintera gewährt den Betrachtenden dort einen seltenen Einblick in seinen Schaffensprozess, der häufig von der spannungsreichen Gegenüberstellung von Natur und des menschengemachten, technisch-kulturellen Eingriffs geprägt ist. Kintera schlägt eine Parallele zu Dr. Frankensteins Labor und zeigt uns seinen elektrischen Lichtenberg-Generator, mit dessen Hilfe er Strom durch seine Materialien jagt, um Zeichnungen zu schaffen, die gleichermaßen natürlich und künstlich aussehen. Die Neuronen ähnlichen Muster dieser Zeichnungen spiegeln die Kräfte wider, die ähnlich zerstörerisch sein können wie etwa die eines Blitzes. Doch Kintera verkehrt diese Kräfte in das Gegenteil, macht sie zum Mittel der Schöpfung, indem er die Lichtenberg-Technik dazu verwendet, daraus neue Arten von elektrischen Blumen, Bäumen und Wurzelsystemen zu erschaffen. Diese scheinen zur selben Pflanzenfamilie zu gehören wie s skulpturale Arbeit Astra Anthropocena, eine von Menschenhand gefertigte Blume, die aus einer Propangasflasche entwächst und erblüht – ähnlich wie kreative Ideen, die bei Kintera wie Pilze aus dem Boden technischer Abfälle schießen. 

 

Andere Arbeiten in diesem Raum zeigen jedoch, dass der Schaffensprozess nicht nur allein auf die unerschütterliche Kraft des entschlossenen Künstlergeists zurückzuführen ist. Vielmehr zeigt Kintera, dass die Schöpfung eine mäandernde Reise ist, die von Emotionen wie Angst, Mut und Introspektion beeinflusst wird. Sie bilden die nicht greifbaren Elemente des künstlerischen Schaffens, vielleicht die Seele, die dem Kunstobjekt innewohnt und ihm seine Aura verleiht. Neben Soul Without Body lädt das Kunstwerk Give Me A Chance (You Also Have a Chance) die Betrachtenden ein, über die eigene Wahrnehmung der Welt nachzudenken, und fordert sie auf, Kunst als einen komplexen Diskurs mit mehreren – teils widersprüchlichen – Perspektiven zu begreifen. 

 

In den Arbeiten dieser Ausstellung spielt Kintera auch mit der gleichzeitigen An- und Abwesenheit des Künstlers. So stehen im White Cube die Kunstwerke notwendigerweise für sich selbst, wenn auch mit sichtbaren Spuren des Geistes und der Hände des Künstlers. Hingegen vermittelt der Atelierraum das Gefühl, dass Kintera gerade erst aufgestanden ist und den Raum verlassen hat und jeden Moment zurückkehren könnte. Während sich der Raum in vorübergehender Stille zu befinden scheint, erzeugt die sitzende Figur im Fenster noch das Gefühl einer menschlichen Präsenz, ein Schatten des Geistes des Künstlers, der den Raum nie ganz verlässt. 

 

Kinteras künstlerisch-kritische Kommentare zu zeitgenössischen Themen helfen den Betrachtenden oft, sich vom Gewohnten zu distanzieren und neue Perspektiven einzunehmen. In der Tat provoziert die Ausstellung mit kühnen Aussagen, sprengt die Gattungen (in seinen Zeichnungen gibt es weder Papier noch Bleistift) und gewährt einen seltenen Einblick in das, was auf der Werkbank des Künstlers geschieht, der normalerweise im Verborgenen arbeitet. Auf diese Weise verhandelt Gedankenexperiment die Beziehung zwischen Kunst und Künstler, aber auch mit dem Betrachtenden und der Außenwelt neu.

In Kooperation mit Tschechischen Zentrum München 

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KRISTOF KINTERA – GEDANKENEXPERIMENT

18. November 2022 – 14. Januar 2023