RAMIN HAERIZADEH, ROKNI HAERIZADEH UND HESAM RAHMANIAN
THE STARS ARE FALLING. LET'S DRINK THEM.

16.09.2021 - 22.10.2021

Ihr Gesamtwerk begreifen und bezeichnen die drei iranischen Künstler Ramin Haerizadeh (*1975 in Teheran), Rokni Haerizadeh (*1978 in Teheran) und Hesam Rahmanian (*1980 in Knoxville) als einen allumfassenden »work in progress«. So verschmelzen in den immersiven Installationen des Künstlerkollektivs stets bestehende und neue Werke zu einem gattungsübergreifenden Amalgam aus Altem und Neuem, Gefundenem und Erfundenem, Westlichem und Orientalischem. 

 

Persische Tradition und westliche Moderne, Hochkultur und Camp, Historie und aktuelle Zeitgeschichte treffen darin unverhohlen aufeinander, um in einem ganz eigenen Kosmos aus starken visuellen Effekten, furioser Dynamik, ungehemmter Inszenierung und Ästhetik aufzugehen. Dabei provoziert das Künstlertrio mit seinen Gemälden, Skulpturen, Collagen und Videoarbeiten auf humorvolle, exzentrische und vielschichtige Weise überraschende Begegnungen, welche das Augenmerk auf die drängenden politischen und sozialen Konflikte der Gegenwart richten und Machtmechanismen ebenso hinterfragen wie normative Geschlechterrollen oder die Kunstwelt per se.

 

Mit The Stars Are Falling. Let’s Drink Them zeigt HELDENREIZER Contemporary die erste Galerie-Ausstellung des iranischen Künstlerkollektivs in Deutschland. Visuelles Zentrum der Ausstellung bilden die beiden Videoarbeiten If I Had Two Paths I Would Choose the Third (2020) und From Sea to Dawn (2016/17) aus der Reihe der Moving Paintings. Die Grund­lage dieser Moving Pain­tings sind von den Künstlern selbst ange­legte Bild­ar­chive von Foto­gra­fien, Videos und Medi­en­be­rich­ten. Die daraus entnommenen Bilder und Videos collagieren und animieren sie, um sie schließlich durch das Verfahren der Rotoskopie zu einem Bewegtbild zusammenzufügen. Die Malerei entfaltet in den Filmen von Haerizadeh, Haerizadeh und Rahmanian ein disruptives Moment. Oft gegenläufig zu den Bewegungen im Ausgangsmaterial wird durch die malerischen Artefakte Vertrautes entfremdet und transformiert. Die auf diese Weise evozierten visuellen wie auch semantischen Brüche eröffnen den Betrachtenden völlig neue Blickwinkel und ermöglichen es die artikulierten Themen von einem neuen Standpunkt aus zu überdenken.

 

Hinter der Arbeit If I Had Two Paths I Would Choose the Third verbirgt sich eine kritische Auseinandersetzung des Künstlertrios mit den für unsere Gegenwart bezeichnenden postfaktischen Wahrheitskonzepten. Der authentische Gehalt des Filmmaterials über den Fall Bagdads am 3. April 2003 wird ganz offensichtlich durch eine an die Imagination der Betrachtenden gebundene Realität überlagert. Das bemalte Footage-Material verwandelt sich in eine Art Trip, geprägt von eschatologisch anmutenden Szenerien voller mystischer Mischwesen, grotesker Ungeheuer, humanoider Tiere, pulsierender Pflanzen und surrealer Spiegeleffekte. Das Ergebnis ist ein faszinierender wie beklemmender Film, der malerisch aufgeladen mit uralten Symbolen und Mustern unentwegt zwischen dem dokumentarischen Charakter des Ausgangsmaterials und dem menetekelhaften Gehalt der Malerei changiert.

 

Auch in ihrem provokativen Werk From Sea to Dawn, in dem ergreifende Nachrichtenbilder von Menschen auf der Flucht gezeigt werden, setzen Haerizadeh, Haerizadeh und Rahmanian die Malerei als Mittel der Verfremdung ein. Scheinbar triviale, fast kindliche wie irritierende Bearbeitungen interferieren mit dem Grauen und der Tragik des vor Augen geführten Geschehens. Marienkäferflügel verbergen die Antlitze der Flüchtenden, offensichtlich leblose Körper werden ornamental umfasst, erscheinen als Mischwesen vermeintlich lebendig. Geflüchtete ohne Haupt und Beine durchschreiten fantastische Welten. Die Provokation entwächst jedoch weniger dem skandalösen Versagen aller Verantwortlichen, das sich im gezeigten Nachrichtenmaterial verdeutlicht. Es ist vielmehr die Polarisation, die sich aus dem Hinwegsetzen über die »typisch europäischen Erzählweisen« und der subversiven Aushöhlung eingeschliffener Narrative nährt. Der daraus resultierende, ganz im Brechtschen Sinne erzeugte Verfremdungseffekt vergegenwärtigt das Geschehen mit emphatischer Aktualität aufs Neue.

 

An einer Ausstellungswand sind zwei Gedichte zu sehen, die zusammen mit den Papierarbeiten Where To? Wherever It Chances gezeigt werden. Sie stammen aus dem elegischen Epos Nassim’s Testament (2016) des iranischen Dichters Vahid Davar. Im Jahr der Entstehung des Epos traf er auf der Liverpool Biennale erstmals auf die Werke von Rokni Haerizadeh, Ramin Hearizadeh und Hesam Rahmanian. Vier Jahre später lernten sie sich durch Zufall persönlich kennen. Wie das Künstlertrio floh auch Davar einst aus dem Iran. Als Flüchtling kam er schließlich nach Liverpool, wo er Nassim’s Testament verfasste, in dem er die Geschichte seiner Flucht aus der eigenen sowie aus der imaginierten Sicht seines verstorbenen Freundes erzählt. Das Epos ist ein formal frei gefasstes Klagelied mit dem Charakter einer Totenwache, indem nicht nur geklagt, sondern auch Geschichten erzählt, Witze gemacht, Tänze aufgeführt und mit verschiedenen poetischen Ausdrucksformen experimentiert wird. Die Werkereihe Where To? Wherever It Chances von Haerizadeh, Haerizadeh und Rahmanian greift ebenso die Flüchtlingskrise auf relationale und epische Weise auf und entspringt dem persönlichen Austausch der Künstler mit dem befreundeten Dichter. Der Titel ist einer althergebrachten, zeremoniell geprägten Form persischer Poesie entnommen, die »Chavoshi« genannt wird und zu Beginn einer Pilgerreise rezitiert wird. Diese Gedichte sollen die Reisenden ermutigten, ihre Probleme zu vergessen und sich auf die Reise einzulassen. Where To? Wherever It Chances zeigt den Moment der Ansiedlung, wenn die Migranten beginnen, anzukommen und sich zu stabilisieren. Das endgültige Ziel bleibt unklar, doch den gefährlichen und tückischen Teil ihres Weges haben sie bereits hinter sich. Elegisch, spöttisch-episch, satirisch und apokalyptisch suchen sie eine aufrichtige Antwort auf die Frage, wie wir im 21. Jahrhundert das darstellen, was die Künstler als das »Chaos der Welt« bezeichnen. Dies schließt auch die Grenzen und Fallstricke der Darstellung selbst ein. 

 

Kontrastierend erscheinen dazu die Arbeiten aus der Reihe Madame Tussauds (2021), in denen die Künstler den anachronistischen Kult um die derzeit berühmteste Monarchie auf satirische Weise beleuchten. Dazu collagieren und bemalen sie bekannte, teils ikonische Fotografien der königlichen Familie, wie etwa die Fahrt der englischen Monarchin 1976 in der offenen Limousine zur Trinity Church in New York, wo sie in einer Zeremonie 279 Jahre Pacht in Form von 279 Pfefferkörnern einforderte. Eine Menge aus fabelartigen Mischwesen und Tieren jubelt den hohen Würdenträgern zu, deren Häupter in Nasen verwandelt sind. Das royale Protokoll wird in seiner Absurdität und verstaubten Nostalgie entlarvt. In Madame Tussauds wird die Repräsentationsarchitektur zur Kulisse, das Königshaus zum Märchen- und Mythengarten, der Hofstaat zur Fantasiewelt, an deren Spitze wahlweise eine Nase, ein Hut oder ein nicht genauer bestimmbares »Etwas« steht.

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Ausstellung

16. September 2021 - 22. Oktober 2021

Türkenstr. 32, 80333 München