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WITALIJ FRESE
CONTROL/COLLAPSE

15.05.2026 - 31.07.2026

In seiner aktuellen Einzelausstellung verdichtet Witalij Frese den menschlichen Körper zu einem Ensemble fragiler, fragmentierter Zustände, die zwischen Ordnung und Auflösung oszillieren. Gliedmaßen, Torsi, Abdruckreihen und Gefäßformen erscheinen als Elemente eines Systems, das nach Struktur strebt und dabei unweigerlich seine eigene Brüchigkeit offenlegt. Control/Collapse beschreibt keinen abgeschlossenen Zustand, sondern ein Feld permanenter Verschiebung, in dem Stabilität nur als vorläufige, jederzeit widerrufbare Form sichtbar wird.

Im Zentrum der Ausstellung steht der Körper als zerlegbare, neu kombinierbare Einheit. Beine, Arme, Finger, Rückenpartien und Füße treten nicht als Bestandteile eines integren Ganzen in Erscheinung, sondern als versetzbare, isolierbare und seriell organisierte Elemente. Frese führt damit seinen Rückgriff auf antike Formensprache konsequent weiter, löst ihn jedoch zugleich radikal vom Ideal des geschlossenen, makellosen Körpers. An die Stelle heroischer Ganzfiguren treten Teilkörper, die verschoben, neu gefügt oder bewusst unvollständig belassen werden. Die Antike erscheint hier nicht als harmonisches Vorbild, sondern als Bildreservoir, das Frese auf seine strukturellen und ideologischen Voraussetzungen hin befragt.

Eine Beinskulptur, Control/Collapse I (2026), spannt sich bogenartig über einen Sockel; eine zweite, Control/Collapse II (2026), hängt isoliert an der Wand. Beide Arbeiten evozieren einen Zustand prekärer Balance: gehalten und doch nicht gesichert, gestützt und zugleich dem möglichen Sturz preisgegeben. Die Arme in Ergebung (2026) vereinnahmen physisch wie gestisch einen Teil der Architektur, während sie an ihren Enden mit Ketten an der Wand fixiert sind. Das Rückenfragment eines Torsos, Aufgehalten (2026), schwebt knapp über dem Boden, als sei seine Bewegung angehalten, ohne je vollständig zum Stillstand zu kommen. Die Finger-Vasen, darunter Fragmentation (2026), bewegen sich zwischen Skulptur und funktionalem Objekt. Sie bilden ein System von Öffnungen, in dem sich Halt und Leckage, Umschließung und Durchlässigkeit verschränken: Der Körper erscheint als Behälter, der niemals vollständig abgeschlossen ist.

Ketten, Raster und serielle Wiederholungen fungieren innerhalb der Ausstellung als instrumentelle Formen der Kontrolle. Sie fixieren, strukturieren und halten in Position. Zugleich erzeugen sie Abhängigkeit, Spannung und Vulnerabilität. Stabilität erscheint hier nicht als dem Körper inhärente Qualität, sondern als Resultat äußerer Einwirkung — als erzwungenes Gleichgewicht, das jederzeit kippen kann. Der an Ketten herabhängende Torso in Aufgehalten verkörpert diesen Schwebezustand mit besonderer Prägnanz. Er scheint zu hängen, zu gleiten und zu fallen zugleich. Der Kollaps wird nicht vollzogen, sondern in einen Zustand permanenter Verzögerung überführt.

Die Arbeit Ergebung verdichtet diese Ambivalenz zu einer stillen, eindringlichen Geste. Die Arme sind zugleich erhoben und ausgeliefert, gestützt und gebunden. Der Körper erscheint hier als Projektionsfläche widerstreitender Kräfte: zwischen Schutz und Disziplinierung, Selbstermächtigung und äußerer Kontrolle. Die Armschleife im Fenster verschiebt diese Konstellation in den Schwellenraum zwischen Innen und Außen. Dort wird der Körper zur Übergangsform, zur Kontur eines Dazwischen, die gleichermaßen exponiert und entzogen wirkt.

Mit dem großen Relief Shared Wound (2023) sowie der Serie re-formations (2026) verlagert sich der Fokus vom singulären Fragment zur seriellen Einschreibung des Körpers. Die monochromen re-formations Reliefe treten zunächst sehr zurückhaltend in Erscheinung, aktivieren jedoch bei näherer Betrachtung ein taktiles Bildgedächtnis. Der Körper wird hier nicht als Figur repräsentiert, sondern als Spur, Abdruck und Negativform erfahrbar. Die Serie wirkt wie der Versuch, Körperlichkeit durch Wiederholung zu sichern; gerade darin wird jedoch ihre Instabilität sichtbar. Jeder Abdruck behauptet Nähe zum Ursprung und markiert zugleich dessen Abwesenheit. In dieser Logik der Einschreibung lässt sich ein ferner kunsthistorischer Resonanzraum zu Yves Kleins (1928-1962) Anthropometrien (1958) denken — allerdings ohne deren performative Geste des Körpers als unmittelbares Malwerkzeug zu übernehmen. Bei Frese tritt an diese Stelle eine stillere, beinahe entkörperlichte Form der Präsenz, in der Monochromie und Materialität eine eigentümliche Spannung zwischen Sichtbarkeit und Entzug erzeugen.

Die kleine „Raketen-Urne“ мир! (Frieden!) (2024) markiert innerhalb des Ausstellungsdispositivs einen konzeptuellen Kippmoment. In ihr verbinden sich Gefäß, Projektil und Behältnis für Asche zu einem hybriden Objekt, das zwischen Aufbewahrung und potenzieller Zerstörung, Erinnerung und Abschuss oszilliert. Auch diese Arbeit folgt einer Logik, in der der Körper nicht als stabile Einheit, sondern als Speicher, Ladung und Gefährdung erscheint — als Form, die immer schon von ihrem möglichen Verlust mitgeprägt ist.

Frese entwickelt in Control/Collapse ein skulpturales Vokabular, das den Körper als instabiles System begreift — als Gefüge, das nur im Zusammenspiel von Halten und Loslassen, Bindung und Entzug existiert. Die fragmentierten Gliedmaßen, Abdruckreihen und Gefäßformen sind dabei weniger Zeichen eines Mangels als vielmehr Versuchsanordnungen. Sie stellen die Frage, wie weit sich der Körper zerlegen, neu ordnen und umcodieren lässt, ohne sich ganz aufzulösen. In den schwebenden, aufgehängten, gestützten und angelehnten Elementen manifestiert sich ein Zustand des Dazwischen: ein Nicht-Zusammenbrechen, das sich beständig am Rand des Kollapses bewegt.

Gewalt erscheint in dieser Ausstellung nicht als eruptives Ereignis, sondern als stillgestellte, in die Form eingelassene Bedingung. Körper greifen ineinander, stützen oder verletzen sich, ohne dass diese Spannung in einem sichtbaren Ausbruch kulminieren müsste. Die Arbeiten bleiben an Ketten geführt, an Wände gebunden, in Wiederholungen überführt. Gerade darin wird deutlich, dass Instabilität hier nicht Ausnahme, sondern Grundbedingung ist. Kontrolle tritt als ästhetische wie gesellschaftliche Praxis hervor, die den Körper modelliert, begrenzt und zugleich in einem Zustand permanenter Reorganisation hält.

Control/Collapse macht diese Ambivalenz nicht nur motivisch, sondern auch räumlich erfahrbar. Sockel, Hängungen, Ketten, Fensterzonen und Wandreliefs bilden ein Display, das keine endgültige Ordnung behauptet, sondern ein instabiles Kräftefeld entwirft. Zwischen Halten und Fallen, Fixieren und Entgleiten, Struktur und Zerfall entfaltet sich ein Körperbild, das sich jeder abgeschlossenen Definition entzieht — und gerade darin seine gegenwärtige Dringlichkeit gewinnt.

Witalij Frese (*1992 in Alexandrowka, Russland) untersucht in seiner künstlerischen Praxis Fragen von Körperlichkeit und Körperwahrnehmung im Spannungsfeld kultureller, politischer, religiöser und psychologischer Prägungen. Seine Arbeiten hinterfragen tradierte Normen der Körperbetrachtung und entwerfen genderfreie, geschlechtlich fluide Wesen, die sich eindeutigen Zuschreibungen entziehen. Im Zentrum steht die Wandelbarkeit des Körpers als offene, formbare und stets neu zu verhandelnde Existenzform. Besonders in seinen Keramiken wird diese Auseinandersetzung sichtbar, in denen der Körper als fragile, organische Hülle erscheint.

 

Frese studierte Malerei an der Universität der Künste Berlin sowie am Moscow State Academic Art Institute und schloss 2019 als Meisterschüler von Valérie Favre mit dem M.F.A. ab. Er erhielt mehrere Stipendien und Auszeichnungen; 2025 wurde seine Arbeit von der Miettinen Collection, Berlin, angekauft. Jüngere Ausstellungen fanden unter anderem im Winckelmann-Museum, in der Kunsthalle Helsinki und bei Galerie Droste in Paris statt. Frese lebt und arbeitet in Berlin.

Ausstellung

15. Mai 2026 - 31. Juli 2026

Türkenstr. 32, 80333 München

© 2025 by HELDENREIZER Contemporary GmbH, München . Impressum

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