top of page

CROSSING THE LINE
WILL PECK

EUNJI SEO

17.05.2024 - 15.06.2024

HELDENREIZER Contemporary freut sich, die Ausstellung Crossing the Line zu präsentieren, in der Werke von Will Peck und Eunji Seo in einen Dialog treten. Die formale Schnittstelle zwischen dem Künstler und der Künstlerin bildet die Linie als ungebundene Erscheinung. Sie tritt mit ihrem Eigenwert auf, unabhängig von der Verpflichtung zu einem Gesamtwerk. Die Linien werden zu Spuren von Gesten und Bewegungen, denen durch ihren additiven Charakter auf einer Fläche, Betrachtende nun folgen können. Dabei überschreiten die Linien oft die Grenzen ihrer konventionellen Assoziation mit Ordnung, Struktur und Symbolik, indem sie über ihre herkömmlichen Funktionen wie die des Trennens, Strukturierens oder Umreißens hinausgehen.

 

Will Peck (*1991) funktioniert in seinen Arbeiten Geräte der Alltagstechnologie und künstlichen Intelligenz um und erweitert nicht nur ihren Nutzen jenseits des Intendierten, sondern schreibt ihn um. Durch das Kreieren von autonomen, zeitbasierten Tätigkeiten der Maschinen evoziert er eine Kooperation zwischen Mensch und Maschine. Dies ermöglicht neue künstlerische Potenziale durch nicht-menschliche Handlungen. Die Linie spielt dabei in allen gezeigten Werken eine bedeutende Rolle. Bei den Mouse Drawings wird das natürliche Sonnenlicht als Eingabe für den optischen Sensor der Computermaus genutzt. Mit Hilfe einer Zeichensoftware wird eine leere Seite vorbereitet und so konfiguriert, dass sie zum "Zeichnen" bereit ist. Die Maus wird vor einem Fenster positioniert, sodass sie dem natürlichem Licht ausgesetzt ist. Das durch das Fenster einfallende Licht wird vom optischen Sensor der Maus erfasst und interpretiert. Die so entstandenen Dateien werden anschließend mit einem Stiftplotter rematerialisiert, der die Bewegungen der Maus mit einem Kugelschreiber nachvollziehen kann. Die resultierenden Linien dokumentieren somit die Einstrahlung des Lichts als Spur auf einem weißen Blatt und werden so zu einem Mittel der Kommunikation zwischen Mensch, Maschine und Natur. Eine Spur wird auch bei den Flatbed Scan Prints gezogen. Hier wurden auf dem Glas eines Flachbettscanners runde Kugelmagnete platziert. Während des Scanvorgangs interagieren die Magnete mit den Metallteilen in der beweglichen Scanlinse, wodurch die Magnete springen oder sich bewegen können. Durch diese autonome, aber vom Menschen initiierte Handlung, entstehen regenbogenartige, farbige Erscheinungen, welche die Bewegung des Magnets dokumentieren und die Route von Anfang bis Ende nachvollziehbar machen, wobei sie gleichzeitig ein eigenständiges Phänomen konstituieren. In den Vacuum Drawings werden Linien mit Hilfe eines Markierungsstiftes, der typischerweise für Kalligrafie eingesetzt wird, produziert, welcher an einem halbautonomen Staubsauger befestigt ist. Das Gerät sammelt Informationen über die Beschaffenheit des Galerieraumes mit Hilfe von Lidar-Scanning, eine Form der Bildgebung, bei der das Licht in einem Raum reflektiert wird, um die Entfernung zu messen. Durch diesen Prozess wird ein optimaler Weg zur effizienten Reinigung des Raums berechnet. Der am Staubsauger befestigte Stift dokumentiert also seinen Weg. Auf diese Weise entsteht erneut eine additive Spur auf den leeren Flächen des Galeriebodens, welche es den Besucher:innen ermöglicht, den Pfad der Maschine nachzuvollziehen. Die Überlagerung der Linien, infolge wiederholter Fahrten des Roboters über bestimmte Stellen, führt zu Mustern. Durch das Verwischen der Spuren infolge des Betretens der Räumlichkeiten durch die Besuchenden bleibt die Arbeit stets unvollendet und wird kontinuierlich neu generiert. Personen, die den Raum betreten, überschreiten somit wortwörtlich Linien (crossing the lines).

 

Die vermeintliche Simplizität einer auf Papier gezogenen Linie, tritt bei der Betrachtung der Werke von Eunji Seo (*1984) unmittelbar in den Hintergrund. Ihre künstlerische Praxis erforscht vielmehr die kreativen Potenziale, die sich durch Wiederholungen ergeben und setzt bewusst auf eine Symbiose von Kontrolliertheit und durch Zufall erzeugte Unregelmäßigkeiten, durch welche Differenzen entstehen. Diese Unregelmäßigkeiten werden beispielsweise durch die unabsichtliche Variation des Drucks des Bleistiftes erzeugt oder durch Unterschiede im Graphitpulver. Das bewusste Auslassen und die gezielte Schaffung von Leerstellen im Bild sind integraler Bestandteil ihres gestalterischen Systems. Diese Ordnung zeigt sich auch in ihren Werktiteln, in denen die Ziffern meist für einzelne Strichlängen, Positionen oder für Abstände auf dem anfänglich leeren Raster stehen. In den 42 Zeichnungen, die teilweise ineinandergreifen, entfalten sich die vielen Linien und Leerstellen zusammen auf dem Papier zu vollständigen Bildern. Auf diese Weise erzeugen sie den Eindruck von Mustern. Obwohl die Werke eine gewisse meditative Ruhe ausstrahlen, stellen sie gleichzeitig eine kognitive Herausforderung für die Betrachtenden dar, denn durch das geplante Versetzen der Linien in einigen der Werke wird es dem Auge erschwert, sie als zusammenhängende Seiten wahrzunehmen. Dies erzeugt einen Effekt der optischen Täuschung, der an aneinandergeklebte Papierstücke erinnert und somit eine collageartige Qualität entstehen lässt. Die durch die Künstlerin intuitiv gewählten Hintergrundfarben sind zarter Natur, changieren jedoch zwischen warm und kalt und wirken so mal leichter, mal schwerer. Die Werkreihe ((1-9-1)+1)15 vermittelt eine dynamische Wirkung und den Eindruck von Naturphänomenen wie Sternschnuppen oder einen Regenschauer. Von weitem erscheint sie zudem wie Fasern auf einem Gewebe, doch bei näherer Betrachtung offenbaren sich die feinen Mikrostrukturen, die durch Linien und Auslassungen gebildet werden. Es stellt ein herausragendes Beispiel dafür dar, wie durch die Wiederholung zahlreicher Elemente etwas Neues entsteht. 

Text: Lisann Lechtermann

Ausstellung

17. Mai 2024 - 15. Juni 2024

Türkenstr. 32, 80333 München

bottom of page