NEUE DIALOGE

Tibor Pogonyi, Marten Kirbach

April 2018

Es war 1935, als der Philosoph und Kulturkritiker Walter Benjamin (1892 –1940) sich in seinem Aufsatz Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit an einer historischen Bestandsaufnahme der Kunst in der Moderne versuchte. Darin prangerte er an, dass sich die Kunst sowie ihre Rezeptionsweise durch die Medien Fotografie und Film nachhaltig verändert hätten. So sei an die Stelle des in sich geschlossenen Kunstwerks das montierte und fragmentierte Kunstwerk gerückt. Zudem würde die kontemplative Wahrnehmung eines einmaligen Originals zunehmend durch die zerstreute Wahrnehmung der massenhaft verbreiteten Kopien von Kunstwerken ersetzt. Benjamin spricht in diesem Zusammenhang von einem für diese Zeit symptomatischen Verfall der Aura des Kunstwerks.

Heute, mehr als 80 Jahre nach seiner Veröffentlichung, im Zeitalter der sogenannten Digitalmoderne, hat der Aufsatz kaum etwas von seiner Brisanz eingebüßt. Unablässig umgeben von ultrahoch aufgelösten, hyperrealistischen Bildwelten, die als stete Bilderflut über sämtliche Äther und Datenbahnen auf uns einwirken, haben sich unsere Sehgewohnheiten, -erfahrungen und die damit verknüpften Aufmerksamkeitsspannen entscheidend verändert. Die kontemplative Betrachtung von einzigartigen Original-werken respektive das Sich-Einlassen auf die Aura eines Kunstwerks besitzt heutzutage eher Seltenheitswert, ungeachtet der seit Jahren kontinuierlich ansteigenden Besucher-zahlen in den Museen.

 

Dem daraus resultierenden ästhetischen Vakuum stellen sich die beiden Maler Marten Kirbach (*1979) und Tibor Pogonyi (*1974) mit ihrem außergewöhnlichem Œuvre entschieden entgegen. Beide eint, trotz ihrer gegensätzlichen künstlerischen Verfahrensweisen, der Anspruch, das Wesen der Malerei und ihre immanente Wahrheit für den Betrachter greifbar zu machen. Dies stellen die Gemälde von Kirbach und Pogonyi in der Ausstellung NEUE DIALOGE eindrucksvoll unter Beweis. Es ist eine Begegnung auf Augenhöhe, die den historisch gewachsenen Dualismus zwischen der abstrakten und figurativen Malerei zur Makulatur werden lässt. Im Zentrum steht der existenzielle Kampf der Malerei und des Menschen in Zeiten der Digitalmoderne. So fordern Kirbachs abstrakte Arbeiten in einer Alltagswelt, die durch Beschleunigungserfahrungen, virtuelle Realitätskonstrukte und die Zerrissenheit des Innen und Außen geprägt ist, zur unbedingten Kontemplation und der Hinterfragung der eigenen Wahrnehmung auf. In der kritischen Auseinandersetzung mit der Malerei per se und ihrer Mittel stellt er dem Betrachter eine ebenso ambivalente Bildwirklichkeit gegenüber, die mit ihren Überlagerungen, perspektivischen Brüchen, räumlichen Verspannungen, Überschneidungen und  Durchdringungen das Verhältnis von Wahrnehmung und Wirklichkeit, von Abbild und Bild, von Illusion und Realität neu auszudifferenzieren versucht.

 

Die Formensprache der Alten Meister aufgreifend, entwickelt Tibor Pogonyis vibrierende Malerei auf den Betrachter eine Sogwirkung, der sich dieser kaum entziehen kann. Er setzt sich in seinen Werken mit den existenzialistischen Fragen des Menschseins sowie der Malerei auseinander. Entsprechend setzt er in seinen Gemälden der Perfektion seiner technischen Meisterschaft ganz gezielt – auf formaler wie auf inhaltlicher Ebene – die Betonung des Unvollkommenen, des Unvollendeten und des Bruchs entgegen. Vor dem Hintergrund einer durch Algorithmen und künstliche Intelligenz entmythologisierten und durchrationalisierten Digital-moderne erscheint seine ebenso bildgewaltige wie mystisch aufgeladene Malerei als radikaler Gegenentwurf, die mit der Wucht ihres Pathos den Menschen zu den Wurzeln seines Seins und der eigenen Identität zurückführt. 

Vernissage am Donnerstag, 26. April 2018 von 18-22h, Westenriederstr. 41, München.

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